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Noch ehe die Pariser Welt sich in die Enge der Pandemie zurückzieht, betritt eine Gestalt die Bühne, die aus einer Zwischenwelt zu stammen scheint: eine geheimnisvolle, beinahe unwirkliche Patientin, deren Schönheit nicht auftrumpft, sondern wie ein schimmernder Schatten den Raum erfüllt. Unangemeldet und ohne Vorgeschichte erscheint sie eines Tages in der Praxis des Psychotherapeuten Pierre, legt sich mit einer Selbstverständlichkeit die ihn zutiefst verwirrt auf dessen Couch – und schweigt. Ihr lautloses Verschwinden hinterlässt die Ahnung eines Anfangs, dessen tiefere Bedeutung Pierre in diesem Augenblick nicht zu fassen vermag.
Pierre, ein umsichtiger, zur Introspektion neigender Therapeut, teilt sein Leben mit Colette, einer kultivierten und ehrgeizigen Kulturmanagerin, in einer eleganten Wohnung über den Dächern von L’Haÿ-les-Roses. Dieser Pariser Vorort, der sich als stille Seitenkammer der Metropole geriert, dämmert im Jahr 2020 einer ungewissen Zukunft entgegen. Mit dem Heraufziehen der Corona-Pandemie verengt sich der Horizont der beiden Protagonisten zusehends. Die pulsierende Stadt wird zu einer fernen, stummen Kulisse, während ihre Wohnung sich in ein geordnetes, doch zunehmend klaustrophobisches Terrain verwandelt, ein Wartesaal ihrer gemeinsamen und zugleich getrennten Innenwelten.
Während Pierre, der im Berufsleben anderen Menschen Orientierung schenkt, sich selbst im Nebel der eigenen Selbstzweifel verliert und seine latente Melancholie sich zu einer kaum erträglichen Schwere verdichtet, wirkt Colette zunächst gefasst. Doch der Stillstand des kulturellen Lebens lässt auch ihre dominante, sprunghafte Natur erodieren. In dieses fragile Gleichgewicht tritt Madeleine, Colettes jüngere Geliebte, die mit unbeirrtem Selbstbewusstsein die Erfüllung ihrer Wünsche einfordert: ein gemeinsames Kind. Dieser Wunsch mündet in eine an Pierre herangetragene Bitte, die das Fundament seiner Existenz erschüttert: Er möge der biologische Vater werden und so der fragilen Dreierkonstellation eine familiäre Logik verleihen.
Für Pierre gerät diese Bitte zu einer existenziellen Überforderung, einem Sturz in die tieferen Schichten seiner Unsicherheiten. Die Aussicht, in ein Beziehungsgeflecht hineingezogen zu werden, das er kaum begreift, lässt sein sorgfältig austariertes Selbstverständnis ins Wanken geraten. In diesen Momenten drängt sich die Erinnerung an jene rätselhafte Patientin in sein Bewusstsein, eine Gestalt, die erscheint, als hätte jemand einen Vorhang einen Spalt breit geöffnet. Ob sie real ist oder eine bloße Verdichtung seiner Sehnsucht nach Klarheit, bleibt in der Schwebe. Sie ist der subtile Impuls, der seine festgefahrene Welt in Bewegung setzt.
Pierre, immer wieder seine nicht eben glückliche Kindheit reflektierend – die Eltern, deutscher Vater, französische Mutter, leben in Frankreich. Die Großeltern, bei denen er viel Zeit verbrachte, lebten in Deutschland. Sein älterer Bruder Marc, der bei Unfall gestorben ist, war der Liebling der Mutter –, stimmt widerstrebend dem Kinderwunsch von Colette und Madeleine zu und stellt seinen Körper zu Verfügung.
In Gegensatz zu ihm, spricht Colette selten über ihre Eltern, weicht den Fragen ihres Mannes aus und bleibt diesbezüglich vage. Wir können davon ausgehen, dass auch ihre Kindheit unter keinem guten Stern stand.
Karin Nohr entfaltet in „Mona Lisa auf der Couch“ das feinsinnige Psychogramm einer modernen Beziehungskonstellation, die als Ménage à trois, als Suche nach individuellem Glück und Sinnstiftung daherkommt, jedoch stets in Gefahr schwebt, sich als Trugbild zu entlarven. Die Kommunikation zwischen Pierre und Colette hat sich längst zu einem wortreichen Schweigen verflüchtigt, einem beredten Zeugnis einer erstarrten Beziehung. Folgerichtig ist auch die Interaktion mit der rätselhaften Patientin eine rein imaginäre, eine Projektionsfläche für Pierres Wünsche nach widerspruchsloser Harmonie.
Mit bestechender Präzision seziert die Autorin die Psyche ihrer Figuren: Pierre, der in seiner Ehe mit Colette allzu oft zur Nachgiebigkeit neigt und Konfrontationen scheut; Colette, die ihre fragile Persönlichkeit hinter einer Maske der Dominanz verbirgt und in Madeleine die Verheißung einer Zukunft zu finden glaubt; und schließlich Madeleine, die mit ihrer eigenen Agenda sowohl Pierre als auch Colette letztlich auf sich selbst zurückwirft. Erst die Geburt der Tochter Mariette vermag es, Pierre aus seiner emotionalen Indifferenz zu reißen und ihn zur Übernahme von Verantwortung zu bewegen, die ihm jedoch bald verweigert wird.
Karin Nohrs Roman ist weit mehr als eine bloße Beziehungsstudie. Er ist eine scharfsinnige Analyse moderner Lebensentwürfe und der komplexen Dynamiken von Sehnsucht, Selbsttäuschung und der Suche nach authentischen Verbindungen in einer zunehmend fragmentierten Welt. Mit einer Sprache von unaufdringlicher Eleganz und psychologischem Tiefgang gelingt es der Autorin, ein fesselndes Kammerspiel zu inszenieren, das die Leserinnen und Leser bis zur letzten Seite in seinen Bann zieht. „Mona Lisa auf der Couch“ ist ein literarisches Glanzstück, das die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche meisterhaft ausleuchtet und lange nachwirkt.
Meine Bewertung:
Veröffentlicht am 24. November 2025