Buchkritik -- Timo Rieg -- Deutschland, Deutschland über alles

Umschlagfoto  -- Timo Rieg  --  Deutschland, Deutschland über alles Wäre Timo Rieg ein Regisseur, so würde seinem neuen Werk "Deutschland, Deutschland über alles" der Titel eines Remake zukommen. Kurt Tucholskys Buch von 1929 legt der Autor, neu bearbeitet, vor.

Der Leser merkt sofort, daß Tucholsky auch fast 90 Jahre nach seiner Veröffentlichung von "Deutschland, Deutschland über alles" nichts an Aktualität und Modernität eingebüßt hat. Das für Tucholsky leidvolle Spannungsfeld zwischen "denen da oben" und "denen hier unten" hat, so arbeitet es Rieg heraus, nichts von seinen Diskrepanzen verloren. Hier der Bürger, dort die Parteien, vertreten durch Politiker und wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand zugegeben, durch Wirtschaftsführer.

Selbstgerechte Politiker sind in der Rieg`schen Neuausgabe des Buches ebenso wieder Zielpersonen, wie auch selbstgerechte Richter und eine selbsternannte pazifistische Partei, die den ersten deutschen Militäreinsatz nach dem Zweiten Weltkrieg initiierte. Heuchelei und Duckmäusertum, von Tucholsky angeprangert, feiert auch heute noch Triumphe in Politik und Wirtschaft.

Mittelmäßigkeit, die sich selbst für genial hält, führt das Land. Ein Beamtentum, daß sich, damals wie heute, weit vom Bürger entfernt hat, verwaltet sich nahezu selber. Die Regelungswut, sprichwörtlich die im Verkehr, erstaunt und entsetzt die Bürger immer wieder aus Neue.

Vielleicht, und diese Aussage von Tucholsky macht nachdenklich, ist der Deutsche (noch) nicht in der Lage, seine Freiheit aktiv zu nutzen. Denn wenn sich eine Tatsache durch die preußisch-deutsche Geschichte verfolgen läßt, ist es der Obrigkeitsgehorsam seiner Bürger.

Auf alle Fälle lohnt es sich immer noch, oder besser gesagt, immer wieder Tucholsky zu lesen. Timo Rieg zeigt dies mit seiner Neuausgabe.




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