Don Juan ist, neben Faust und Don Quichote, eine der großen Figuren der Weltliteratur. Zahlreich sind die Versuche, ihn zu deuten, zu interpretieren. Von Moliere über Mozart, von Kierkegaard über George Bernhard Shaw zu Max Frisch, versuchten sich fast alle bedeutenden Schriftsteller und Musiker daran, dieser Figur näher zu kommen. Indes, wie bei allen Gestalten der Literatur, kann man diesen niemals erschöpfend begegnen

Es ist für diesen Zweck auch gar nicht notwendig, sich der Figur des Don Juan textimmanent zu nähern. Viel interessanter ist es, sich über den Typus des Erotomanen - des ausschließlich von seinen Trieben geleiteten Menschen - dem Wesen der Figur, damit aber auch uns selber zu nähern.

Die Aktualität des Don Juan liegt in der Betonung des Triebhaften, des unreflektierten Genusses. Darin könnte er, zuerst in 17. Jahrhundert gedruckt, eine Person des späten 20. Jahrhunderts sein. In den Roman von Bert Nagel Don Juan dementiert stellt er sich als ein sich permanent seiner Neigung entschuldigender Mensch, der letztendlich ausschließlich von seinen Trieben beherrscht wird. Die einzige Reflektion über sein eigenes Tun besteht darin, sich permanentes Scheitern zu attestieren. Scheitern am Leben und, man höre, auch das scheitern an den Frauen.

Don Juan ist der Typ des Genußmensch, der sich permanent darüber beschwert, das ihm eben dieser Genuß immer zu leicht fällt, das er aufgrund seiner Taktik dem weiblichen Geschlecht gegenüber überhaupt nicht mehr um eine Frau kämpfen muß, sondern im Gegenteil, es sind die Frauen, die ihn niemals in Ruhe lassen, ihn immer bedrängen und somit verhindern, das er ein Leben führen kann, welches er selber bestimmt und nicht seine erotischen Triebe.

Gerade hierin liegt die Aktualität dieser Figur. Getrieben von seiner unreflektierten Lust - diese Lust im weitesten Sinne verstanden und nicht ausschließlich reduziert auf die Sexualität - ist er geistiger Verwandter des "ach so modernen Menschen". Hedonismus, Egoismus und Infantilität sind die Attribute des 21. Jahrhunderts. (Zum Thema Infantilität siehe Pascal Bruckner).

Der sich selbst in den Mittelpunkt des Seins stellende Mensch, permanent seinem Egoismus verhaftet und unfähig die Konsequenzen seines handelns zu reflektieren, ist die tragische Figur unserer Tage. Konsum? - natürlich schnell und ohne Ende. Das Leben als Party? - selbstverständlich bis zur Erschöpfung. Verantwortung? - Nein Danke, denn nach mir die Sintflut.

Getrieben von der Jagd auf Neues, egal ob materieller oder persönlicher Natur, gehetzt von dem Wunsch, soviel wie möglich zu erleben, das Selbst quasi auszuschalten, sich berauschend an den vielfätigen Verführungsmöglichkeiten der modernen Welt, ist der heutige Mensch eine Klon des Don Juan. Beide Geschlechter sind von ihm gleichermaßen besessen. Die Figur des ewigen Verführers verwandelt sich in die Person - beiderlei Geschlechts - des Verführten.

Genau wie Don Juan glauben sie alle, daß sie es sind, die die Kontrolle über ihr eigenes Leben haben, dabei werden sie längst von Kräften bestimmt, die um ein vielfaches stärker sind als sie selber. Fatalerweise halten sie sich für Individuen, dabei sind sie doch nur eine von außen gelenkte Masse von Vergnügungssüchtigen. Zwar beherrschen sie das Instrumentarium des Lebensgefühls genial gut, doch die Regeln nach denen gespielt wird, stellen andere auf.

Es ist verwunderlich, das es heutzutage überhaupt noch etwas geben soll, das nicht "funny", "cool" oder "super" ist. Die Lässigkeit des Lebensgefühls schlägt sich nieder in der Unfähigkeit vernünftige Sätze artikulieren zu können. Wir leben in einer Zeit, in der "Drei Wort Sätze" Konjunktur haben. " Das ist super" als Ausdruck des Lebensgefühls einer ganzen Generation.

Was ist schief gelaufen und wie lange schon? Es mag so sein, das die Gesellschaft, bzw. Eltern und Schule, wobei die ersteren den primären Erziehungsauftrag hatten, versagt haben. Im Nachhall der aus heutiger Sicht gescheiterten 68┬┤Revolutioin blieben verunsicherte Eltern übrig, die das nur vordergründig freundlich zu nennende Angebot des Staates, sich um die Erziehung des Nachwuchses zu kümmern, freudig annahmen, da sie selber orientierungslos waren.

Genau hier begann der fatale Fehler. Junge Lehrer deren Köpfe voll von politischen und gesellschaftlichen Theorien waren, die im Lauf der Jahre an der Realität zerbrachen, wurden den Schülern in die Klassen gestellt. Die Fachautorität wurde abgeschafft und an stelle dessen die Unverbindlichkeit gestellt. Der Gedanke an den "totalen Spaß" beherrschte von nun an die Szene. Verantwortung, das erkennen von gesellschaftlichen Zusammenhängen und Solidarität wurden ersetzt durch pseudoindividuelle Beliebigkeit.

Das Problem ist erkannt, doch wie kann es gelöst werden? Niemand will ernsthaft die Rückkehr zu autoritären Strukturen, doch es ist an der Zeit, daß beide, Eltern und Lehrer sich wieder ihrer Verantwortung bewußt werden und Kindern und jungen Menschen das zukommen lassen, was sie am nötigsten brauchen: Anleitungen zum Leben.