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Buchkritik -- Lavie Tidhar -- Maror

Umschlagfoto, Buchkritik, Lavie Tidhar, Maror, InKulturA „Maror“, das sind die bitteren Kräuter, die am Seder an Pessach gegessen werden, was auf das biblische Gebot „Mit bitteren Kräutern sollen sie es essen" beruht. Danke Wikipedia!

„Maror“ ist aber auch eine unvergesslich kraftvolle Saga über das Leben in Israel in den letzten vier Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist eine umfassende Darstellung von Gewalt, Korruption und Chaos, die unabhängig von Politik, Religion und Gesellschaft durch die Adern der Menschen fließen und wohl tief im genetischen Code dieser Spezies eingebrannt ist. Kriminalität macht weder vor Landesgrenzen noch Glaubensfragen halt. Im Gegenteil, wenn Profit lockt, arbeiten Feinde auch gerne mal zusammen.

Lavie Tidhar hat ein Buch geschrieben, das die Komplexität und das Chaos beleuchtet und niemand, wirklich niemand kommt gut dabei weg.

Es gibt generationenübergreifende Handlungen, die in ihrer erzählten Beiläufigkeit schockierend sind und von Männern unterschiedlichen Alters und Glaubens begangen werden. Eine zentrale aber rätselhafte Figur ist der Polizist Cohen, der an einem Tag sechs Männer mit der Leichtigkeit einer Routineaufgabe erschießt.

Während der ganzen Zeit taucht er auf, oft unerwartet, und schwankt zwischen dem Befolgen der Regeln und der Umsetzung seiner eigenen Version der Gerechtigkeit. Er glaubt, ein französischer Tourist sei für mehrere Vergewaltigungen im Laufe der Jahre verantwortlich, und tötet ihn daher ohne Gerichtsverfahren – immer ein Zitat aus den Bibel auf den Lippen.

Die Polizei in Tel Aviv agiert mit rücksichtsloser Gewalt, begeht aber selbst Verbrechen. Da ist der dreiste Raubüberfall, bei dem sie versuchen, einen Safe auszurauben, die Kombination aber nicht herausfinden, weil sie den Besitzer bewusstlos gemacht haben, dann entführen sie seine Frau und fordern ein hohes Lösegeld.

Junge jüdische Männer wie Avi und Shari werden in den Drogenhandel verwickelt, und sie werden, wie Eddie, ein Kollege von Cohen, allmählich durch alles, was sie sehen und erleben, korrumpiert. Leider geraten viele junge Männer in die Falle, den Weg der Gewalt zu beschreiten und mit dem Drogenhandel ein Vermögen zu machen.

Hava, eine frustrierte Ehefrau hat eigentlich das perfekte Leben, wird aber vom Glücksspiel an der Börse angezogen. Sie, die in einer Bank arbeitet, veruntreut Kundengelder und wird, als es herauskommt, zur Mörderin. Auf nur wenigen Seiten wird ihr falsches Leben sukzessive entlarvt. Sie schrubbt wie besessen jede Oberfläche und versucht, mit dem Mangel an moralischer Sauberkeit fertig zu werden, der nicht nur sie, sondern die Gesellschaft als Ganzes durchdringt.

Die Sehenswürdigkeiten, Geräusche und sogar Gerüche der Stadt werden in Prosa festgehalten, die überwiegend aus einfachen, scharfen und schnellen Sätzen besteht welche die rastlose Spannung, die die Charaktere und das Land erfasst, grandios widerspiegelt.

Ständige Musikreferenzen weisen auf ihre Bedeutung im Leben der Menschen hin und verleihen der Atmosphäre von „Maror“ eine besondere Dimension.

Es herrscht allgemeine Begeisterung über die Unterzeichnung des Vertrags mit den Palästinensern durch Rabin, gefolgt von Freude über den Gedanken an ein Leben ohne Konflikte. Der Frieden wird durch Rabins Ermordung zerstört; und wie ein Mann erklärt: „Das Problem mit euch Juden ist, dass ihr das Land liebt, euch aber gegenseitig hasst.“

Im Zeitraum dieser vierzig Jahre verwandelt sich Israel von einer Gesellschaft, die noch an alte Bräuche gebunden ist, zu einer modernen Nation. „Maror“ entwirft ein lebendiges Bild dieser Zeit, indem Lavie Tidhar Städte, Kontinente besucht und zahlreiche Charaktere beschreibt.

Es ist eine lebendige Geschichte über den Aufbau einer Nation – nicht nur mit Staatsmännern, Armeen, Arbeitern, sondern auch mit Dieben, Prostituierten und Polizisten und Mördern. Überflüssig zu erwähnen, dass die Grenze zwischen Gut und Böse fließend ist und ausschließlich von den zu erwartenden Profiten abhängig ist.

So wird der Hass zwischen Juden und Arabern durch die ungeschriebenen Gesetze der Organisierten Kriminalität nivelliert und führt zu überraschen Koalitionen.

Es ist schwierig, einem so monumentalen Werk gerecht zu werden. So sind viele Aspekte von „Maror“ mit Superlativen verbunden und vermitteln eine enorme Bandbreite politischer und gesellschaftlicher Verwerfungen, plus einem atemberaubenden Gespür für die unterirdischen, nicht sichtbaren Flüsse des Geldes, dass es schwerfällt, einzelne herauszuheben.

Ein Buch für alle Liebhaber und Liebhaberinnen großer Literatur.




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Veröffentlicht am 29. Juni 2024